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Um etwas von einem Gemälde zu erleben, bedarf es der Einbildungskraft des Betrachters; denn bereits der vorausgegangene gleiche Reflexionsprozeß der Spiegelung sinnlich wahrgenommener Natur in der Seele des produzierenden Künstlers, das Erlebnis des Schaffensaktes, kann ein ähnliches Erlebnis in demjenigen bewirken, der später dem Kunstwerk gegenüber steht. Nacherleben aber setzt Einfühlungsvermögen und dieses wiederum Phantasie voraus, die sich nicht erzwingen läßt. Nirgendwo fällt diese erforderliche Phantasie, die den Verehrer eines Kunstwerkes selbst schöpferisch werden läßt, ihm leichter als dort, wo er dem Künstler ganz nahe ist: im persönlichen Umgang mit ihm oder in dessen ganz persönlichem Lebensbereich. Wer in Worpswede im Modersohn-Haus, das von 1898 bis 1921 Otto Modersohn gehörte, die Werke dieses bedeutenden Malers inmitten der Gegenstände erlebt, die dieser täglich um sich hatte, die seinem Wesen entsprachen und die Zeugen seines Schicksals waren, wird das feststellen.Das wird ferner dort erfahren, wer vor Paula Modersohn-Beckers schlichtem Schreibtisch steht und sie zwischen Kunst und Leben hin- und hergerissen vor seinem geistigen Auge ihr Tagebuch schreiben sieht oder der, welcher in der Ecke, in der ihr so fruchtbares Leben viel zu früh endete, ihr letztes „Wie schade“ im Ohr hat. Nirgendwo überwindet man die Trägheit der eigenen Phantasie leichter als in den Spuren großer Vorbilder. Nirgends ist man dem Künstler verwandter als in dessen täglicher Wirkungsstätte, nirgendwo aufgeschlossener für die Problematik dieser Künstlerehe und empfänglicher für Paulas und Ottos Wirkungen als in deren intimsten Lebensbereich.
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